Artikel „Aphorismus“, I.

aus dem aufgegebenen Projekt: Ralf Klausnitzer (Hg.): „Lexikon literarischer Gattungen“ (de Gruyter, Stand 2014)

 

I. Bei der Definition des Gattungsbegriffes A. sind mehrere, zum Teil widerstreitende Aspekte auseinanderzuhalten, die von verschiedenen Phasen seiner (Vor-)Geschichte her in seine gegenwärtige literaturwissenschaftliche Konstruktion hineinwirken: Der Begriff A. umfasst einerseits mehr als der Gattungsbegriff. Texten, die von ihren Verfassern ausdrücklich so genannt werden, wird die Gattungszugehörigkeit mit guten Gründen aberkannt. Der Begriff A. umfasst andererseits weniger als der Gattungsbegriff. Die Gattungsgeschichte wird seit dem 19. Jh. konstruiert über die Zuordnung von Texten unterschiedlicher Bezeichnung, die nicht nur als zugehörig, sondern von Lichtenbergs Bemerkungen bis zu Canettis Aufzeichnungen geradezu als ihre Gipfelpunkte betrachtet werden. Begriff und Gattung sind also in besonderer Weise divergent. Das Nomen mit der Tendenz zur Gattungsbildung und das Adjektiv im Sinne eines gattungsübergreifenden aphoristischen Stils werden zudem in der Strenge ihrer Verwendung unterschieden.
Seit dem frühen 20. Jh. zeigt sich tendenziell eine terminologische Normierung. Das gilt zum einen für ‚Grenzmöglichkeiten’ wie Maxime und Fragment. Das gilt zum anderen bei nachgelassenen Texten in dem Sinne, dass der Editor sie unter der Bezeichnung ‚A.’ zu Elementen einer gattungsbildenden Textreihe aufwertet und damit die Rezeption steuert. Das gilt zum Dritten bei ‚Brevieraphorismen’, Exzerpten aus umfangreicheren Texten, und anderen von Herausgebern hergestellten Sekundäraphorismen: Zitaten, Pointen, Sentenzen. Das Kriterium der Autorintention, das sie streng ausschließt, ist relativ wenig strittig, allerdings seinerseits auch nicht unproblematisch. Die jüngere Forschung, wie sie in III. skizziert ist, lässt sich definitorisch so zusammenfassen: Bei der Gattung A. handelt es sich um eine kotextuell isolierte, konzise, bis auf Satz und Einzelwort verknappte literarische Prosaform, die, im Grundsatz nichtfiktional, oft rhetorisch oder metaphorisch pointiert ist und als unsystematisches Erlebnisdenken und Erkenntnis-Spiel im Grenzgebiet von Wissenschaft, Philosophie und Literatur im besonderen Maße auf die kritische Weiterarbeit des Lesers angewiesen bleibt.

Der A. hat seinen Ursprung wortgeschichtlich im Griechischen (aphorismos = ‚Abgrenzung’, ‚Definition’, ‚Lehrsatz’). Er begegnet zunächst in den Hippokratischen Lehrsätzen und bezeichnet aus dieser Tradition heraus im Gegensatz zur systematischen Darlegung die (populär-)wissenschaftliche Schreibart in unverbundenen Lehrsätzen. Im 18. Jh. wird er in Deutschland zum Medium einer einheitlich verstandenen Erkenntnis des Menschen, die Medizin und Philosophie als Anthropologie ebenso umfasst wie literarische Moralistik. Für die literarisch-aphoristische Praxis um die Wende vom 18. zum 19. Jh. kann er wegen seiner wissenschaftlichen Konnotationen generell noch nicht in Frage kommen. Nach 1850 wird er spezifischer literarisch und als Gattungsbegriff verstanden, zunächst von der Literatur selbst. Durch die Wirkung Schopenhauers und Ebner-Eschenbachs erscheint er vollends gefestigt; die Literaturwissenschaft in ihrer klassischen Trias-Befangenheit folgt nur sehr zögerlich. Durch Nietzsche und Lichtenberg, den sein Editor Leitzmann als den Gründungsvater etabliert, ist der Begriff mit der Gattung fest verknüpft und wirkt sogleich soghaft normierend. Bis zur Gegenwart sind ein offener umgangssprachlicher Begriff im Sinne von kurzem, pointiertem Spruch gleich welcher Herkunft und ein literaturwissenschaftlich verengter Begriff zu unterscheiden, der als solcher vergleichsweise gesichert ist, wenn er auch in Geltung, Umfang und Geschichte diskutiert wird. Auch in der Romania zeichnet es sich in der Moderne immer stärker ab, dass sich der Gattungsbegriff gegen die Konkurrenz der Maxime durchsetzt.

 

Weiter zu II.

zurück zur Übersicht „Ungedruckte Beiträge“