Artikel „Aphorismus“, II.

aus dem aufgegebenen Projekt: Ralf Klausnitzer (Hg.): „Lexikon literarischer Gattungen“ (de Gruyter, Stand 2014)

 

II. Der A. entwickelt sich in Europa seit der Renaissance. Er speist sich dabei vornehmlich aus drei Quellen, den Aphorismen des Hippokrates, einer Sammlung von Lehrsätzen, aus Senecas Sentenzen sowie den Apophthegmata dar, wie sie seit Plutarch überliefert sind. Hier fließt auch die gesamte religiöse Spruchweisheit vor allem aus der Bibel ein (Erasmus von Rotterdam).

Francis Bacon führt mit seinem Novum Organum (1620) in die wissenschaftliche Aphoristik wie in die noch namenlose literarische Gattung gleichermaßen hinüber und wird damit in mehrfachem Sinne zur europäischen Schlüsselfigur. In Frankreich kommt die Gattung im 17. Jh. unter dem Begriff der Maxime mit Autoren wie La Rochefoucauld, Pascal, La Bruyère, Vauvenargues und Chamfort zu einer ersten Blüte.

Die deutsche Gattungsgeschichte lässt sich im Ganzen gesehen in drei Hauptphasen unterteilen. Aus einem breiten Quellgebiet benachbarter Gattungen im 18. Jh. fließt sie im 19. und frühen 20. zu einem Hauptstrom zusammen und entwickelt sich in der Spannung von Gattungsnormerfüllung und -erweiterung, ehe sie in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s zur Gattungsinnovation verstärkt Nebengattungen integriert. Der (einschmelzenden und terminologisch vielfältig-unsicheren) Gattungswerdung mit den Protagonisten Lichtenberg und Goethe folgt die terminologisch-inhaltliche Vereinheitlichung und Verfestigung bis zu Nietzsche und Kraus, die ihrerseits gattungsnormierend wirkt und Gattungserwartungen stellt. Die Gattung entwickelt sich in der Spannung von Repetition und Innovation weiter, ehe sie sich in der dritten Phase wieder verstärkt aus den Randgebieten bedient und von ihnen her wandelt.

Die Leitlinien für ihre Anfänge liegen durch den europäischen Rahmen fest: neben der doppelten terminologischen Unschärfe zum einen eine Verspätung, zum anderen die Herkunft aus einem Bereich, der in seiner Breite und Heterogenität auch alle Gattungsprobleme schon versammelt: Regel und Lehrsatz (Hippokrates), Sentenz (Seneca), Marginalie und →Kommentar (Gracian), →Sprichwort und Apophthegma (Erasmus), →Essay (Bacon), Nachlassaufzeichnung (Pascal), Maxime (La Rochefoucauld), Kurzporträt (La Bruyère), →Anekdote (Chamfort).

Die Verspätung gegenüber Frankreich und England zeigt sich in Deutschland zunächst in einer rezeptiv bestimmten Vorphase. Sie wird als Chance genutzt und kulminiert von den verschiedenartigen Quellen her in einer schnellen, eigenständig akzentuierten und vielgestaltigen Blütezeit um 1800. Im Zusammenwirken von moralistischer Tradition, Hippokrates-Rezeption und praktisch-empirischem Interesse am Studium des Menschen nimmt sich die Gattung erst allmählich eine eigenständige Kontur an. Ältere Nachbargattungen wie Apophthegma, →Anekdote und →Epigramm und zumindest teilidentische, aus der Romania übernommene Gattungen wie Regel und Maxime bilden zusammen mit Textsorten wie Exzerpt und Glosse, Anmerkung und Marginalie sowie mit offenen Sammelbegriffen wie Miszelle und Fragment ihr Quellgebiet. Bis gegen Ende des 18. Jh.s sind nur vereinzelte Zeugnisse des literarischen A. zu verzeichnen, die sich der Gattung von den verschiedenen Rändern her nähern, etwa Friedrich Schulz’ Zerstreuete Gedanken (1790/ 91) oder Sebastian Mutschelles Vermischte Schriften (1793; ²1799). Marianne Ehrmann wendet als erste deutsche Aphoristikerin die klassische Aufklärerposition auf ihr Geschlecht an (Kleine Fragmente für Denkerinnnen, 1789).

In der Frühphase der Gattungsgeschichte um 1800 kommen sogleich die bedeutendsten Autoren zu Wort. Diese erste Hochphase manifestiert sich zum einen in Texten, die zu ihrer Zeit selbst (so gut wie) unveröffentlicht bleiben: in Lichtenbergs ab 1765 entstandenen Sudelbüchern und in Jean Pauls diversen Sammlungen von Bemerkungen, Gedanken, Einfällen, zum anderen im romantischen Fragment. Lichtenberg gilt seit der Wende zum 20. Jh. fraglos als ihr erster und bedeutendster deutscher Vertreter, in seinem Formen- und Gedankenreichtum so zeitlos wie, zumal in Sprachauffassung und Psychologie, modern. Seine Notate orientieren sich nicht an dem strengen Reduktions- und Präzisionsideal der französischen Moralistik, sondern sind offener, vielgestaltiger, spontaner. Jean Paul ist ihm in seinem Witz, seiner Selbstbeobachtung, seinem metaphorischen Vermögen nicht unähnlich. Das Fragment, wie es Friedrich Schlegel (Athenäum-Fragmente, Ideen) und Novalis (Blüthenstaub) als die Idealform für ihr poetisches Philosophieren entwickeln, verbindet programmatische Intentionen mit spekulativen Ideen zu einer umfassend-integrativen Welterkenntnis. Goethe sammelt vielfach abgeklärte Lebensweisheiten und Denkergebnisse in der spruchhaft-endgültigen Form, wie sie die sogenannten Maximen und Reflexionen (1833) überliefern, die zu von größter internationaler Wirkung gelangen.

Am Beginn der deutschen politischen Aphoristik stehen Friedrich Maximilian Klinger, Johann Gottfried Seume (Apokryphen, 1806/07), Daniel Ludwig Jassoy und Carl Gustav Jochmann (Stylübungen, 1828). Für den jüngeren Ludwig Börne und seine politisch-satirische Aphoristik sind Sache wie Begriff schon eine Selbstverständlichkeit. Deutlich verbinden sich literarische Praxis, Gattungsbegriff und -reflexion in den Confessionen (1851) Ernst von Feuchterslebens. Friedrich Hebbel, sein Herausgeber, ist mit den Aufzeichnungen in seinem Reflexionstagebuch aus der Geschichte der Gattung nicht auszugrenzen. Arthur Schopenhauers populärwissenschaftliche Aphorismen zur Lebensweisheit (1851) sind das früheste Werk der deutschen Literaturge­schichte, das den Begriff im Titel führt und damit zugleich bis heute von anhaltender Wirkung ist. Von Lichtenberg und Goethe, aber auch von Börne und Jochmann gehen die normierend-konstituierenden Tendenzen aus; mit Hebbel und Schopenhauer ist die literarische Gattung unter dem Begriff A. endgültig etabliert.

Der A. der sechziger bis achtziger Jahre (Gutzkow, Auerbach) bleibt als Maxime eines bürgerlichen Mittelmaßes ohne Höhepunkte. Hingegen prägen zwei Autoren, so verschieden sie sind, das Gattungsbewusstsein neu und bis weit in das 20. Jh. hinein richtungweisend. Den Aphorismen Marie von Ebner-Eschenbachs (1880) wächst eine geradezu musterhafte Qualität zu. Die beherrschende Figur ist aber ohne Zweifel Friedrich Nietzsche, durch die Radikalität seines Denkens und die Kraft seiner Sprache ebenso wie durch die gewaltige internationale Wirkung bis auf den heutigen Tag.

Um die Jahrhundertwende wird der A. zu einer breiten literarischen Erscheinung, im Wesentlichen in drei Ausprägungen: im Gedankensplitter-Witz, in der sterilen Idealität einer Herzensaphoristik der Innerlichkeit sowie, relativ beachtenswerter, als die Fortführung klassischer Moralistik. Während die normierende Kraft der Gattung in der zweiten Phase ihrer Geschichte in ihrem Mittelfeld solcherart zur epigonalen Sterilität tendiert, sieht man zu Beginn des 20. Jh.s Bild, Erkenntnis und Spiel als Leitlinien der weiteren Gattungsentwicklung in Peter Hille, Christian Morgenstern und Karl Kraus prominent besetzt. Hilles metaphorisch-assoziatives Definieren zieht den A. in Einfall und ‚Stimmung’ zum Bild hinüber, das weniger Einsichten eröffnet als Ahnungen weckt. Der Erkenntnisaspekt in Verbindung mit der Priorisierung des Didaktischen prägt sich im Gefolge Goethes und Feuchterslebens im Erkenntnis-Rigorismus von Morgensterns Stufen (1918) aus, die von ungewöhnlichem Erfolg sind. Kraus bildet den nicht mehr überbotenen Höhepunkt einer Aphoristik, die Erkenntnis aus Spiel gewinnt, in der Handhabung der klassischen aphoristischen Mittel meister- und vorbildhaft und von beispielloser Ausstrahlungskraft.

Während im Expressionismus mit der Wende zu These und ‚Satz’ das Pointiert-Sprachspielerisch-Witzige einstweilen ausgedient hat, wird der von Satire und aggressivem Spiel bestimmte A. bei Kurt Tucholsky wie im Wiener Feuilleton (Polgar, Friedell) weitergeführt, auch in erkenntnislos leeres Formenspiel hinein. Der Erkenntnisaspekt steht dagegen bei Hugo von Hofmannsthal (Buch der Freunde, 1922) wie bei Arthur Schnitzler (Buch der Sprüche und Bedenken, 1927) im Vordergrund. Der konservativ bestimmte A. (Rudolf Alexander Schröder, Wilhelm von Scholz, Gerhart Hauptmann) wird in der Wiederholung klassischer Kunst- und Lebensgewissheiten zunehmend steril.

Erneuerungspotential birgt dagegen die dritte Entwicklungslinie, die von dem autonomen Bilda. Franz Kafkas mit ihrem unauflösbaren, existentiellen Paradoxon als zentraler Bild- und Argumentationsstruktur ausgeht. Während das pointierte Spiel des (oftmals jüdischen) Feuilletons nach 1933 abbricht und ebenso wie die innovative Linie von Kafka her allein durch das Exil hindurch zu verfolgen ist, mündet die konservative Aphoristik zum Teil in den Nationalsozialismus, zum Teil wird sie in die bundesrepublikanische Restauration hinübergeführt; die politische Geschichte dichotomisiert die Gattungsgeschichte geradezu.

Im Nationalsozialismus wird der A., individualistisch, unsystematisch, skeptisch-unentschieden, wie er ist, zurückgedrängt und um- oder eingedeutet. Im Exil hingegen blüht er geradezu auf. Drei Linien zeichnen sich dabei besonders deutlich ab: die Tendenz zu einem lyrischen Bilda. (Ludwig Strauß: Wintersaat, 1953), ein ethisch und religiös bestimmter A. (Franz Werfel: Theologumena, entstanden 1942–1944), eine materialistische und dialektische Variante (Bertolt Brecht: Me-Ti. Buch der Wendungen, entstanden 1934–1941).

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten ist der deutschsprachige A. unterschiedslos christlich und konservativ bestimmt, so bei Otto Heuschele, Erich Brock und Hans Albrecht Moser. Den bemerkenswerteren Autoren, Martin Kessel und Hans Kudszus etwa, steht dagegen im Spannungsfeld von Tradition und Erneuerung thematisch wie formal eine größere Spanne von Möglichkeiten offen. Die Politik gewinnt entschieden an Raum; die Formen reichen vom Witz bis zur Reflexion und zur surrealistischen Chiffre. Einen politisch motivierten Sonderweg nimmt der A. in der DDR, zunächst primär als unzuverlässig angesehen, nach 1970 als Ausdrucksform affirmativer Satire ausgesprochen gepflegt.

Nach 1968 ist die Gattung durch zwei Konstanten bestimmt: linke Gesinnung und Priorität der Form gegenüber dem Gedanken. Aus ihrer Mitte wächst in relativ wenigen Fällen noch Bemerkenswertes heraus. Dagegen hat sich die Tendenz zu Mischformen in dieser dritten Phase ihrer Geschichte so ausgeprägt, dass sie zum großen und bedeutenderen Teil an ihren Grenzen aufzusuchen ist: im Grenzbereich zur →Lyrik im Zwischenraum von Metapher und Definition wie in der Nähe zu Spruch und →Epigramm (Elazar Benyoëtz), im Grenzbereich zu Aufzeichnung und →Tagebuch oder Journal als Spektrum von Elias Canettis Aufzeichnungen über Ernst Jüngers Diaristik bis zu Peter Handkes Gefühls- und Wahrnehmungsa., in Form eines postmodernen Fragmentarismus (Martin Walser; Botho Strauß). In jüngster Zeit sind auch Tendenzen zur Erneuerung des ‚klassischen‘ A. nicht zu übersehen. Franz Josef Czernin sucht die Gattung unter dem angestammten Namen geradezu programmatisch zu restaurieren.

 

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