Artikel „Aphorismus“, III.

aus dem aufgegebenen Projekt: Ralf Klausnitzer (Hg.): „Lexikon literarischer Gattungen“ (de Gruyter, Stand 2014)

 

III. Aus den historisch zu verstehenden Aspekten, wie sie unter I. skizziert sind, ergeben sich in der Gegenwart jeweils gegenläufige Forschungstendenzen:
(a) Der A. wird als ordnender Gattungsbegriff verstärkt gebraucht. Die Einsicht, dass die klassische Trias Epik, Lyrik, Dramatik nicht ausreicht, die literarischen Formen und Gattungen zu klassifizieren, und der gattungsordnende Zugriff über sie hinausgehen muss, ist seit den 1960er Jahren gesichert. Eine bislang mangelnde Beachtung des A. als Gattung wurde kompensiert, indem man mimetische Gattungen (Epik und Dramatik) von nicht-mimetischen Gattungen (→Lyrik, Aphoristik, Essayistik) trennte, oder indem dem Gattungssystem eine Großgattung unter Bezeichnungen wie Didaktik, nichtfiktionale Prosa oder Sachtexte beigesellt wurde. In diesem Zusammenhang wird der A.-Begriff zunehmend als Oberbegriff mit einer intern aufgefächerten Gattungsvielfalt verwendet. Ein Ersatz durch Fragment oder Aufzeichnung etwa oder ein präzisiertes Nebeneinander zweier solcher Gattungen lässt sich schwerlich besser begründen.

(b) Der Gattungsbegriff A. nimmt an Bedeutung ab. Wenn auch alle modernen Literaturgeschichten nicht von ungefähr ein „gattungsbezogenes ‚Rückgrat’“ (Barner 1994) erkennen lassen, heißt das nicht, dass ein solcher Ansatz dem A. konkret zugute kommen müsste. In der Gegenwart mit ihrer Tendenz zu Mischformen ist die Orientierung an der Gattung ihren Gegenständen nur adäquat, wenn sie dabei sehr offen vorgeht und die Randgebiete weit in die Aufzeichnung und das Fragment, das Journal und sogar die →Lyrik hinein kartografiert. In der Konsequenz daraus, dass zunehmend fließende Grenzen eine Katalogisierung moderner Kurzprosa nach trennscharfen Gattungsbegriffen unmöglich machen, gelangt man von einem merkmalhaften zu einem funktionalen Gattungsverständnis und umschreibt etwa ein Feld kleiner Prosa, in dem Gattungen wie der A. aufgehen (Göttsche 2006).

(c) Der Gattungsbegriff A. muss und kann trennscharf definiert werden. Seit den 1980er Jahren hat Fricke in diesem Sinne eine theoretisch äußerst gesicherte Definition entwickelt (RLW 1, 1997). Sie ist zu Recht zum wichtigsten Orientierungspunkt geworden, auch wenn ihre Geltung eingeschränkt und mit Skepsis betrachtet wird. Die Schwierigkeiten, die sich dem stellen, der bei der Abgrenzung von Nachbargattungen mit Trennschärfe operieren wollte, sind kaum zu bewältigen. Die ‚Definitionsopfer’ die dabei in Kauf zu nehmen sind (so Hebbel, so Schopenhauer), verschieben oder verfälschen das Bild der Gattung (Spicker 2008).

(d) Eine trennscharfe Definition des Gattungsbegriffes lassen die Zeugnisse nicht zu. Der Gattungsbegriff lässt sich nur in einem weniger strengen doppelten Ansatz bestimmen: Neben der semantischen Mitte, in der die Aspekte Lebensweisheit und Menschenkenntnis, Vereinzelung und Anti-System, Skizze und Experiment, Konzentrat und Konzentration sowie Rezeptionsverwiesenheit zumindest herausragen, sind Grenzgebiete auszumachen, denen man sich lediglich in Interferenz-Metaphern wie Überlappung, Interpolation oder gleitender Skala nähern kann (Spicker 1997). Auch dieser Ansatz, mehr praktisch-historiografisch denn systematisch orientiert, kann theoretisch nicht ohne Widerspruch bleiben. Gerade für die Moderne legt sich indes größere Offenheit desto näher, je länger man sich den Objekten zuwendet.

 

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